Die Schnupfen-Elfen

Die Sommerzeit im Zauberwald ist wunderschön. Überall blühen Rosen und Malven, Sonnenblumen und Dahlien. Die Waldwege sind blank gefegt. Der Waldsee glitzert im hellen Sonnenlicht. Ein sanfter Wind raschelt in den Blättern der großen Apfelbäume, die voll von winzig kleinen Früchten hängen. Ja, die Sommerzeit, sie ist wunderschön hier. Nur die Waldbewohner scheinen nichts davon zu bemerken. Keiner von ihnen lässt sich blicken. Moment mal, da ist doch Puh. Mal sehen, was der vorhat. Was will er denn beim Eulennest?

"Guten Tag Agathe.", grüßte er die Eule die auf dem Nestrand saß und ein paar Erdbeeren aß. "Guten Tag Puh. Was schaust du so griesgrämig drein an diesem so herrlich warmen Sommertag? War deine Milch etwa sauer?" "Ach Agathe, das Reh Pünktchen und Zwitschi, mein blau gefiederter Mitbewohner, haben einen dicken Schnupfen bekommen. Sie fühlen sich schrecklich müde, ihre Nasen triefen und ein schlimmer Husten schüttelt sie ständig durch," sagte der Zwerg traurig. "Das ist ja furchtbar", sprach die Eule und schlug die Flügel über dem Kopf zusammen. "und wie geht es Willy Kauz. Den hab ich nämlich auch schon eine Weile nicht mehr gesehen?", erkundigte sich Agathe besorgt. "Ach Willy, der Arme fühlt sich, als läge er im Eisschrank. Dabei steckt er unter zwei dicken Wolldecken in seinem Bett", erwiderte der Wichtel bedrückt, "und Paul, sein Vetter hat auch gleich Krankenquartier bei ihm im Nest bezogen. So kann ich sie gleich zusammen versorgen." Ach herrje, der arme Paul ist auch krank. Und ich wundere mich, warum die Klatschspalte in der Waldzeitung seit fast einer Woche so spärlich gefüllt ist. Übrigens, deine Gartenbewohner scheinen nicht die Einzigen zu sein, die diese fiese Sommergrippe erwischt hat. So wie es im Moment aussieht, sind wir beide und die Krähe Gundula die einzig gesunden Waldbewohner. Ich und Gundula haben heute schon den Hasen, den Tauben und den Maulwürfen einen Krankenbesuch abgestattet und sie mit Hustensaft, Nasenspray Kräutertee und einer großen Menge Taschentücher versorgt. Jetzt ist die gute Krähe auf dem Weg zu den Füchsen und ich fliege noch zu Punktinchen. Könntestdu vielleicht den Krankenbesuch bei Stachelchen und Hüpf übernehmen", erkundigte sich die Eule. "Klar. Doktor Puh ist schon unterwegs", sagte Puh und winkte Agathe zum Abschied.

Der Wichtel lief nach Hause und packte seinen Rucksack voll Hustentropfen, Halstabletten, Nasenspray, Teemischungen und Taschentücher Er schlich ganz vorsichtig an seinen augenblicklich schlafenden Patienten vorbei, damit er sie nicht aufweckte. Doch es half nichts. Kaum war er am Springbrunnen angelangt, hörte er Pünktchen kräftig niesen. Puh holte ein Taschentuch aus seinem Rucksack und tupfte dem kranken Reh die Nase ab. "Wann hört das denn endlich auf?", fragte Pünktchen missmutig. "Hoffentlich bald. Die Taschentücher gehen langsam zur Neige", sagte der Zwerg und kraulte das Reh hinter den Ohren. Auch aus dem Kauzennest war ein lautes Krächzen zu vernehmen: "Grippe ist so doof", beschwerte sich Willy und hustete kräftig. Mit lautem Niesen und einigen wütenden Uhu-Rufen untermalte er seinen Hustenanfall. "Grippe ist sogar noch döfer als doof", unterstrich Paul Willys Theorie, von sieben Niesern unterbrochen. Der Zwerg huschte schnell unter der Kastanie durch, bevor Willy zum vierten Mal an diesem Tag eine Wärmflasche und Wollsocken verlangte und Paul die sechste Portion Apfelmus bestellte. Dafür war jetzt keine Zeit. Puh musste sich dringend um Hüpf und Stachelchen kümmern. Als er das Gartentor gerade hinter sich schließen wollte, tauchte Zwitschi neben ihm auf: "Sag mal Puh", fragte er, "hast du noch ‚ne Halstablette für mich?". Der Wichtel kramte in seinem Rucksack. "Hatschi", nieste Zwitschi und sah ihn entschuldigend an. "Ist schon gut", sagte Puh und steckte ihm die Tablette in den weit aufgesperrten Schnabel. Zwitschi begann zu husten. Die Tablette flog in hohem Bogen durch den Garten. "Versuchen wir es noch einmal. Schnabel auf, es geht los." Puh kannte die Prozedur. Er brauchte immer mehrere Versuche um seinen erkälteten Untermieter zu versorgen. "Geschafft", keuchte der Zwerg nach dem vierten Anlauf und machte sich nun endgültig auf den Weg.

Am Eichhörnchennest angekommen, hörte Puh dessen erkälteten Bewohner schon kräftig in ein Taschentuch schniefen. Flink kletterte er die Leiter am Baumstamm hinauf und klopfte an die Tür. Ein völlig müder Hüpf öffnete ihm. Puh begrüßte ihn mit einem freundlichen Kopfnicken. Das Eichhörnchen bot ein trauriges Bild. seine Augen waren rot und tränten, seine Nase war dick angeschwollen. Und wenn Hüpf sprach, konnte Puh ihn kaum verstehen, so heiser war seine Stimme. Puh gab ihm Hustensaft, Taschentücher, Honigbonbons und Kräutertee, nachdem er ihn untersucht hatte, und verabschiedete sich mit den besten Wünschen. Hüpf schnäuzte in ein großes Taschentuch und kroch zurück unter seine warme Zudecke. Der Zwerg fühlte sich erleichtert, als er das Eichhörnchennest verlassen konnte. Dann begab er sich auf schnellstem Wege zu Stachelchen.

Der Igel hüpfte vor dem Igelhaus über ein Sprungseil und zählte: "Vierunddreißig, fünfunddreißig, sechsunddreißig ..." Puh packte Hustensaft, Tee und Honig aus und hielt auch schon einen großen Stapel Taschentücher in der Hand - als ihn der Igel verwirrt musterte. "Hallo Puh, was ist denn in dich gefahren? Wieso bringst du mir denn deine Hausapotheke vorbei?" "Fast alle Waldbewohner sind erkältet und ich wollte ..." "Vielen Dank, das ist nicht nötig, wir Igel sind kerngesund, zumindest im Moment, sagte Stachelchen. " "Das freut mich", atmete Puh erleichtert auf. Endlich wurde einmal, dort, wo er gerade war, nicht gehustet und geniest. "Das scheint ja eine besonders hartnäckige Erkältung zu sein, wenn sie sich im ganzen Wald verbreitet hat. Gibt es keine Medizin, die unsere Freunde schnell wieder gesund macht?", wollte der Igel wissen. Der Gedanke war nicht schlecht. "Lass mich mal ein wenig nachdenken", brummelte Puh und kratzte sich am Bart, "Schnupf, schnief, schnaub, schnupf ..." "Was für Schnupf? Ich will nichts hören von schnief und schnupf und schnaub", beschwerte sich Stachelchen. "Schnupfen-Elfen", Puh schnellte hoch. "Was fürDinger?" "Schnupfen-Elfen. Das ist die Lösung des Problems." "Hört sich eher an wie die Ursache für das Geschniefe", sagte der Igel. "ImGegenteil. Sie machen einen besonders heilsamen Kräutersaft. Jeder, der ihn einnimmt, fühlt sich kurze Zeit später wieder pudelwohl." "Wirklich? Und warum heißen die Schnupfen-Elfen dann nicht Genesungs-Elfen?", erkundigte sich der Igel. "Weiß ich doch nicht. Was stellst du mir so eine blöde Frage?", maulte Puh. "Nur weil du die Antwort nicht kennst, ist meine Frage noch lange nicht blöd", verteidigte sich der Igel. "Konzentrieren wir uns lieber auf die Elfen", schlug Puh vor., schon um das leidige Thema schnell zu beenden "Ja du hast recht, lass uns die Elfen suchen", stimmte ihm der Igel zu.

Puh und Stachelchen liefen also gemeinsam zum Zwergenhaus zurück und holten eine Karte des Zauberwaldes. Dann packte der Wichtel ein paar Brötchen, Äpfel und eine Thermoskanne mit Tee in seinen Rucksack und leise schlichen sie wieder vorbei an den schlafenden Patienten im Zwergengarten.

Nach einer Stunde Wegs legten sie eine Rast ein. Stachelchen hatte sich etwas müde gelaufen und der saftige Apfel schmeckte ihm hervorragend. Während Puh an seinem Brötchen kaute und von Zeit zu Zeit herzhaft gähnte, hatte sich Stachelchen im weichen Gras ausgestreckt und zählte die Schäfchenwolken. "Na, fehlt eine", sprach ihn Puh leise an. Der Igel fuhr erschrocken hoch: "Was, wo wie?" "Entschuldige, du hast vor dich hingeträumt. Aber wir haben noch eine ganz schöne Strecke vor uns." "Und wohin müssen wir jetzt?", fragte Stachelchen und blinzelte verträumt. Puh deutete nach links. Dort war ein steiler steiniger Bergpfad zu sehen. Mit großen Augen fragte der Igel: Das ist doch keine schöne Strecke und schon gar keine ganz schöne." "Schön oder nicht. Auf jeden Fall führt sie uns direkt zum Haus der Schnupfen-Elfen", erwiderte der Zwerg. Stachelchen stand auf und hielt Umschau. Plötzlich fiel sein Blick auf einen Wegweiser. "Zu den Schnupfen-Elfen" stand dort geschrieben. Und er wies auf einen breiten beinahe ebenen Wanderweg der unter hohen Bierken direkt auf ein kleines grün gestrichenes Häuschen mit rotem Dach zuführte. "Sieh mal Puh", strahlte der Igel, "das nenne ich eine ganz schöne Strecke." Und dabei deutete er auf den Wegweiiser. "Tatsächlich!", rief der Wichtel verblüfft und sah ungläubig auf die Wanderkarte. Oh nein, Zwitschi hatte die aktuelle Wanderkarte dem Kaminfeuer preisgegeben und diese überholte hier aufgehoben. Da war noch mal ein ernstes Wörtchen mit dieser schusseligen blauen Feder fällig. "Danke, dass du so aufmerksam warst", freute sich der Wichtel. "Schon gut, lass uns jetzt gehen", drängelte der Igel, der schon ganz gespannt auf die Schnupfen-Elfen war.

Schon nach weniger als einer halben Stunde standen sie vor dem Haus der Schnupfen-Elfen. Stachelchen zog an der Glocke und nur kurze Zeitdarauf öffnete eine kleine zierliche Dame im hellblauen Seidenkleid die hölzerne Tür. Ihren schmalen Rücken zierten zwei große silberne Flügel. "Guten Tag", sprach sie, "Welch ungewöhnlicher Besuch, ein Zwerg und ein Igel. Bitte kommt doch herein. Mein Name ist übrigens Hatschi." Erschrocken drehte sich Stachelchen weg. Eine Sommergrippe konnte der Igel nicht gebrauchen. "Ich habe nicht geniest, ich heiße nur so", entschuldigte sich die Elfe. "Guten Tag Hatschi. Wir sind Puh und Stachelchen und würden gern etwas von deinem Kräutersaft für unsere Freunde haben, denn fast alle Waldbewohner sind fürchterlich erkältet", sagte Puh freundlich. "Gern, folgt mir." Die beiden betraten das kleine gemütliche Haus. In einem Korbsessel saß eine zweite kleine Dame. Auch sie hatte silberne Flügel, trug aber ein hellgelbes Seidenkleid. Sie stellte sich als Nieserchen vor. Stachelchen brachte sich hinter Puhs Rücken in Deckung. Nieserchen lachte. Freundlich bot sie dem Igel und dem Zwerg einen Platz auf dem Sofa an und kochte ihnen einen Lindenblütentee. Hatschi war in die Kräuterküche gegangen und stellte den heilenden Kräutersaft her. Als sie fertig war, brachte sie ihn den beiden Besuchern. Stachelchen und Puh gefiel es bei den Elfen. Die kleinen Damen waren sehr gastfreundlich und luden sie zu einer kräftigen Gemüsesuppe und einem guten Stück Roggenbrot ein. Und so blieben sie noch eine Weile, ehe sie sich mit der Medizin auf den Rückweg machten."Gebt jedem kranken Zauberwaldbewohner einen Teelöffel voll davon. Und denen, die es besonders schlimm erwischt hat, gebt ihr morgen noch einen zweiten Teelöffel voll", rief ihnen Hatschi nach.

In seinem Garten angekommen, holte Puh ein ganzes Körbchen voller Löffel. Dann ging es los. Der Wichtel weckte seine Patienten. Zwitschi, Willy und Pünktchen kamen zu ih, nur von Paul war kein Federchen zu erspähen. "Hier nehmt diesen Kräutersaft, dann wird euch wohler sein." Misstrauisch beäugten die Drei die rosafarbene Medizin. "Und das soll helfen?", fragte Zwitschi und unterstrich seine Abneigung mit einem lauten Niesen. "Wenn das so schmeckt, wie es aussieht ...", würgte Pünktchen und drehte seinen Kopf auf die andere Seite. Willy streckte seinen Schnabel zum Löffel hin und wollte mutig probieren. "Na ja, wenn's hilft", meinte er, musste aber so schlimm husten, dass der Saft im hohen Bogen vom Löffel spritzte und sich im Gras verteilte. "Das tat gut", strahlte der Kauz. "Ich hab's genau gesehen, nicht ein Tröpfchen ist bei dir angekommen", sagte Puh "also los Willy, mach noch mal das Schnäbelchen auf." Pünktchen nutzte diese Gelegenheit und verschwand hinterm Springbrunnen. Vielleicht konnte es sich dort vor dem Kräutersaft verstecken. "Ach kommt schon, seid jetzt bitte mal so gut und nehmt eure Medizin ein", bat Puh inständig. Zwitschi und Willy schüttelten zwar die Köpfe sperrten aber dennoch die Schnäbel auf. Wie er es geschafft hatte, den beiden den Saft einzuflößen, bevor sie wieder husten oder niesen mussten, konnte Puh selbst nicht sagen. "Schmeckt gar nicht so übel", schmatzte Zwitschi. "Hat was von Salbei und Pfefferminze", meinte Willy. Das machte sogar Pünktchen neugierig und es meldete nun seinerseits Ansprüche auf einen Löffel Medizin an. Puh verabreichte ihm den heilenden Saft. "Wo ist eigentlich Paul?", erkundigte er sich besorgt. "Den hab ich nicht wach gekriegt", meinte Willy. Also los, Puh stieg die Leiter an der alten Kastanie empor. "Aufgewacht, Paul, ich hab dir auch was mitgebracht", rief der Wichtel munter. "Hatschi", nieste Paul und wurde durchgeschüttelt. Puh wartete einen günstigen Moment ab. Als Paul den Schnabel beim Gähnen weit aufsperrte, schob er den Löffel mit dem Kräutersaft blitzschnell hinein. Der Kauz schluckte ohne Widerworte. "Schmeckt wie dein Apfelmus", sagte er anschließend. Puh riss entsetzt die Augen auf. "Nichts für ungut. Genau genommen schmeckt alles wie dein Apfelmus, ich schmecke nämlich überhaupt nichts mehr." "Dann bring ich dir morgen was von meiner Erdbeermarmelade, da ist versehentlich Tomatenmark reingeraten", lachte Puh. "Wenn der Saft nicht wirkt, dann meinetwegen", erwiderte Paul, aber er nieste nicht mehr dabei. Mist, er hätte die Marmelade schon eher unter seine Patienten bringen sollen, dachte Puh. "So, jetzt muss ich aber auch noch all den anderen kranken Waldbewohnern helfen", sagte er. Und schon war er verschwunden. "Gute Besserung", rief er den Patienten im Garten noch schnell zu und rannte in den Wald hinein.

Stachelchen war in der Zwischenzeit zu Agathe gelaufen und hatte eine Liste mit all den Patienten des Zauberwaldes geholt. An der alten Eiche wartete er auf den Zwerg. "So, wir können", keuchte Puh, "meine Mitbewohner sind gut versorgt." "Dann fangen wir jetzt bei Familie Maulwurf an", sagte Stachelchen. Und so flitzten die beiden durch den Zauberwald und verteilten die Medizin unter die Patienten. Mehr oder weniger von Begeisterung erfüllt, schluckte ein jeder Bewohner ein Löffelchen des heilenden Kräutersaftes. Und schon nach drei Tagen hatte auch die letzte Sommergrippe den Zauberwald verlassen. "Bin ich froh", sagte Puh und biss genüsslich in ein großes Stück Marmorkuchen. In dem Moment segelte Zwitschi durch das offenstehende Fenster ins Zwergenhaus. Der Wichtel erschrak so, dass er sich verschluckte und husten musste. "Jetzt fängt der auch noch an", stöhnte der Vogel. "Mach dir keine Sorgen, das ist nur die Krümel-Grippe", lachte Puh. "Gib mir auch so 'n Stück Kuchen, ich würd' mich so gern bei dir anstecken", sagte Zwitschi.