Die Schattenseiten des Ruhms

Puh saß am Küchentisch bei einer zweiten Tasse Milchkaffee und blätterte in den Waldnachrichten. „Schneemannwettbewerb auf der Waldwiese“, las er leise vor sich hin. Eine wirklich originelle Idee. Schon am 11. Dezember sollte es so weit sein. Da musste Frau Holle aber noch ordentlich die Federn fliegen lassen, sonst mangelte es an Baumaterial. Na ja, man würde sehen. Aber der Wichtel stellte sich in Gedanken schon einen witzigen Schneehasen mit geknicktem Ohr vor, den er dann zusammen mit ein paar anderen Waldbewohnern bauen wollte. Schwungvoll blätterte er nun eine Seite um und hätte sich fast an dem Schluck Kaffee verschluckt, den er gerade getrunken hatte. „Zwitschi sei Dank, Puh ist endlich ein Licht aufgegangen“ stand da in großen schwarzen Lettern, und irgendjemand hatte ein Foto von seinem Schwibbogen gemacht. Der Wichtel schloss die Augen. Und dafür hatte er dieser blauen Tratschfeder noch Schweigegeld in Form eines Lebkuchens mit Kirschfüllung gezahlt! Eine Fehlinvestition sondergleichen! Apropos Zwitschi, der flog geradewegs in die Küche und nahm Kurs auf seinen Kalender. Inzwischen hatte der kleine Vogel seine nächtlichen Ausflüge in die Küche aufgegeben. Was da dieses Jahr hinter den Türchen steckte, war nicht gerade erhebend, von den zwei kandierten Walnüssen in weißer Schokolade am Nikolaustag einmal abgesehen. Es reichte also vollkommen, wenn er das Geheimnis am Morgen des jeweiligen Tages lüftete. Als er hinter Türchen Nummer sieben eine Backpflaume vorfand, starrte er entrüstet darauf, und sein Blick glich dem von Puh, der die Augen gerade ebenso entrüstet auf die dicken schwarzen Lettern geheftet hatte.

„Was liest du da?“, fragte der kleine Vogel und würgte das letzte Stück Backpflaume hinunter. „Gut, dass du fragst, komm mal her zu mir, ich muss was überprüfen“, zischte Puh und wedelte mit der Zeitung. Zwitschi folgte seiner na ja, nennen wir es mal Einladung, und ließ sich auf dem Küchentisch nieder. „Zeig mal dein Schnäbelchen her!“, forderte ihn Puh auf und betrachtete den Schnabel des kleinen Vogels eingehend von allen Seiten. „Was machst du denn da?“, fragte Zwitschi, verwundert über Puhs komisches Verhalten. „Ich such eine undichte Stelle“, erklärte der Wichtel. „Wie? Was? Ich kapier es nicht“, entgegnete Zwitschi entgeistert. „Irgendwo muss das Datenleck doch sein, das mir das hier eingebrockt hat“, meinte Puh und hielt seinem gefiederten Mitbewohner die fette Schlagzeile unter die Augen. „Na ja, weißt du, ich wollte, ich sollte ...“, druckste der zerknirscht herum. „Den Schnabel hättest du halten sollen“, fuhr ihn Puh wütend an. „Aber ich hab's nicht Paul Kauz geflüstert. Das musst du mir glauben.“ Paul war nämlich der Verfasser des Artikels gewesen, wie unschwer zu erkennen war. „Du hast Schweigegeld kassiert! Die Betonung liegt hierbei eindeutig auf schweige“, hielt ihm Puh vor. „Was soll ich jetzt machen, der Lebkuchen ist längst durchgerauscht, den kann ich nicht zurückzahlen“, erklärte Zwitschi, „ich hab es schließlich auch nur Willy Kauz ganz im Vertrauen geflüstert. Ich wollte ein bisschen mit meinem technischen Verständnis vor ihm prahlen. Ich konnte doch nicht wissen, dass er diese kleine Episode unserem fliegenden Klatschreporter weitererzählt.“ Puh schlug die Hände vors Gesicht. „Ach Puh, sieh es doch mal positiv, der Artikel über dich hat den Artikel über den Wettbewerb im Nussweitwurf der Eichhörnchen immerhin um zwei Seiten geschlagen“, versuchte ihn Zwitschi zu trösten. „Stimmt! Ja, du hast recht“, sagte Puh und lächelte stolz, „wenn man es einmal von dieser Seite betrachtet, auf Seite zwei der Waldzeitung schafft es nun wirklich nicht jeder. Dazu braucht es Charme, Charisma, Ausstrahlung, eben das gewisse Etwas, na du weißt schon ...“ Zwitschi blendete sich aus dem Selbstgespräch seines Wichtelfreundes aus und verließ, von ihm unbemerkt, die Küche.