Stiefeltausch

Als Puh am Morgen des Nikolaustages erwachte, bemerkte er überrascht, dass Zwitschi noch friedlich schlafend in seinem Schlafkörbchen lag. „Zwitschi, guten Morgen“, grüßte der Wichtel fröhlich hinüber. Zwitschi rührte sich nicht. Na so was, äußerst ungewöhnlich. Normalerweise hielt den kleinen blau gefiederten Zwitscherling an diesem Tag nichts in den Federn. „Zwitschi, der Nikolaus war da und hat uns bestimmt etwas Schönes in die Stiefel gesteckt“, sagte Puh und schwang die Beine aus dem Bett. In den kleinen blauen Vogel kam langsam ein bisschen Bewegung. „Guten Morgen“, erwiderte er den Gruß von lautem Gähnen begleitet und streckte die Flügel. „Ich weiß ja nicht, was du machst, ich jedenfalls sehe jetzt nach, was in meinem Stiefel steckt“, meinte Puh und sprang von der Bettkante. Zwitschi warf die Decke beiseite und startete durch. Er musste vor dem Wichtel die Kuchenplatte inspizieren. Schließlich war es seine Idee gewesen, es damit wenigstens einmal zu versuchen. Vielleicht war ihm der Nikolaus ja doch auf den Leim gegangen und hatte für ihn ein zweites Geschenk darauf gelegt. Der Vogel zischte also an dem erstaunten Wichtel vorbei und schoss ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch stand die Kuchenplatte. Sie war leer, bis auf ein kleines Kärtchen und darauf stand: „Vergiss es Zwitschi! Grüße vom Nikolaus“. Der Vogel verdrehte die Augen und auch Puh stockte der Atem, als er die fein säuberliche Handschrift auf der Karte las. Woher wusste der Nikolaus, dass die Kuchenplatte Zwitschis Idee war? Auf der anderen Seite, war es nicht so, dass der Nikolaus alles wusste? Nachdem sich der Wichtel erfrischt und angezogen hatte, lief er hinter Zwitschi her in den Garten. Dort hatten sie gestern ihre Stiefel aufgestellt. Puhs Stiefel stand vor dem Zwergenhaus. Der Wichtel strahlte übers ganze Gesicht, als er darin einen Füllfederhalter, ein Pilzlexikon und einen mit Schokolade überzogenen Apfel fand.

Zwitschi war zum Lindenbaum hinüber geflogen und untersuchte seinen Stiefel mit wachsender Aufregung. „Was hat dir denn der Nikolaus gebracht?“, erkundigte sich Puh und schaute voller Neugier auf Zwitschis Geschenk. „Och na ja, hier zum Beispiel ist eine kleine Tüte mit Dominosteinen. Gut, kann man essen, aber es gibt Besseres“, meinte er enttäuscht, „ja und das, das ist eine Schneekugel. Ganz schön kitschig. Und ...“ Zwitschi hatte erschrocken innegehalten und traute sich nicht mehr, das dritte Geschenk aus dem Stiefel zu ziehen. Es leuchtete nämlich in einem abscheulichen Pink. „Na komm schon, zeig mal, was du da hast“, forderte ihn Puh auf und der kleine Vogel zog eine Pudelmütze heraus. „Vielleicht ein wenig schrill, aber sie steht dir bestimmt gut“, lachte der Wichtel und setzte sie dem kleinen Vogel auf. „Nimm die bloß wieder runter von meinem Kopf, ich hab 'ne Pink-Allergie!“ Der kleine Vogel schüttelte sich und streifte die alberne Mütze wieder ab. „Komisch, da hat der Nikolaus aber ordentlich danebengelegen bei deinem Geschenk. Das sieht ihm so gar nicht ähnlich“, grübelte Puh und zog die Stirn kraus. Zwitschi hätte ihm nun eigentlich eine Geschichte erzählen müssen wie er mitten in der Nacht, hinaus in den Garten geschlichen war und seinen Stiefel mit dem von Willy Kauz vertauscht hatte. Schließlich war er sich sicher, dass Willy das schönere Geschenk bekommen hatte. Willy hatte sich ja auch besser benommen als Zwitschi. War das eine Schufterei gewesen. Er hatte seinen Stiefel unter die Kastanie geschleppt und Willys Stiefel unter den Lindenbaum. Hineingeschaut hatte er natürlich noch nicht. Er wollte ja schließlich, dass seine Überraschung am nächsten Morgen echt ist. Und nun war er echt überrascht, wenn auch nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte. Aber dass er groß absahnen wollte, und sein Plan so sehr nach hinten losgegangen war, das wollte und konnte er vor Puh nicht zugeben.

Willy Kauz kam nun auch in den Garten hinunter. „Guten Morgen“, begrüßte er die beiden, „na habt ihr was Schönes vom Nikolaus bekommen?“ „O, ja“, strahlte Puh glücklich und zeigte Willy das Pilzlexikon. „Und du Zwitschi?“, fragte der Kauz. „Na ja, geht so, ist alles eher so lala“, piepste der unzufrieden. „Er hat eine pinke Pudelmütze im Stiefel gehabt“, petzte Puh. Und Zwitschi hielt Willy die Mütze unwillig unter den Schnabel. „Ein echt schickes Teil, ein bisschen schrill vielleicht, aber dennoch schick“, meinte der Kauz anerkennend, „Steht dir sicher prächtig.“ „Kann sein, aber ich hab 'ne Pink-Allergie“, motzte der kleine Vogel und kickte die Mütze mit einem gekonnten Fußtritt, in den er all seinen Ärger gelegt hatte, weg. Willy hatte unterdessen seinen Stiefel untersucht. „Eine Duftkerze mit Lindenblütenduft, sehr schön“, freute er sich. Zwitschi hätte sich vor Wut am liebsten in die Schwanzfeder gebissen. Das fehlte noch zu seinem Glück! Diese Duftkerze war für ihn. Er liebte den Duft von Lindenblüten und nun hätte er ihn auch im Winter riechen können, wenn er diesen dummen Plan mit dem Stiefeltausch nicht ausgetüftelt hätte. Aber was half es. „Und da, Lebkuchen mit Kirschfüllung“, war Willy hellauf begeistert. Zwitschis Gesichtszüge verfinsterten sich immer mehr. Auch das noch. Der Nikolaus hätte ihm seine Lieblingsleckerei gebracht, wenn er Willy nicht seinen Stiefel untergeschoben hätte. Konnte es noch schlimmer kommen? Wahrscheinlich nicht, überlegte der kleine Vogel. Doch Willy machte durch diese Überlegung einen fetten Strich: „Und hier, schaut mal, ein gelber Schal mit orangen Fransen. Der steht mir ausgezeichnet“, jubelte der Kauz. „Das finde ich nicht, gelb lässt dich irgendwie blass aussehen“, versuchte Zwitschi doch noch irgendwie wenigstens an diesen schönen Schal zu kommen. Dabei wäre es so einfach gewesen. Er hätte lediglich jeden Stiefel an seinem Platz stehen lassen müssen und schon wäre dieser schöne Schal der seine gewesen. Wütend versetzte der kleine Vogel nun auch der Schneekugel einen Tritt. Willy drehte sich stolz im Kreis und sah voller Begeisterung an sich hinunter. Zwitschis Bemerkung hatte ihn vollkommen unbeeindruckt gelassen. „Ich finde doch nur, meine pinke Pudelmütze würde dir noch besser stehen als dieser Schal“, meinte der blaue Vogel kleinlaut. „Na, dann gib sie schon her, wenn du sie nicht magst“, sagte Willy freundlich, und Puh fischte die Mütze aus dem Wachholder und setzte sie dem Kauz auf. „Tauschen?“, flüsterte Zwitschi schüchtern. „Gegen was?“, fragte der Kauz. „Na gegen deinen gelben Schal“, piepste Zwitschi. „Ach nein, ich finde pink zwar toll, aber dieser Schal, der gefällt mir so gut, dass ich ihn gern behalten möchte“, erklärte Willy. Zwitschi riss ihm verärgert die Mütze vom Kopf: „Kein Schal, keine Mütze!“, zischte er. Lieber würde er dieses pinke Ding in irgendeiner Schublade im Zwergenhaus verstauben lassen, als es zu verschenken. Dann nahm sich der kleine Vogel fest vor, dass er dem Nikolaus nie wieder ins Handwerk pfuschen würde. „Ich möchte dir einen Vorschlag machen, weil ich sehe, wie unglücklich du über dein Geschenk bist, mein lieber Zwitschi“, zeigte sich Willy großzügig, „ich lade dich jetzt auf einen Tee in mein Nest ein, und dazu zünden wir die schöne Lindenblütenkerze an. Und die kirschgefüllten Lebkuchen, die müssen wir doch auch probieren, nicht wahr?“

Der kleine Vogel nickte dankbar und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Willy war ein wirklich lieber Freund.