Große Stiefel bevorzugt

„Puh, kannst du mir mal einen deiner Stiefel leihen?“, piepste Zwitschi aufgeregt und zog dem Wichtel, der gerade frische Kerzen auf die Pyramide steckte, am Hosenbein. „Was willst du denn mit meinem Stiefel?“, fragte Puh verwundert. „Na was schon. Zuerst will ich ihn ordentlich mit Textilerfrischer aussprayen, ja und dann, dann will ich ihn blitzeblank putzen.“ „Klingt irgendwie gar nicht nach dir“, war Puh verwundert. Zwitschi mied die Stiefel des Wichtels, wo er nur konnte, und jetzt machte es ihm nichts aus, mit ihnen auf Tuchfühlung zu gehen. Da stimmte doch etwas nicht. Während der Wichtel noch darüber nachdachte, trommelten Pfoten an die Tür des Zwergenhauses und aus mehreren Kehlen rief es lauthals: „Puh, bitte mach auf! Es ist wichtig!“ Puh stürzte zur Tür. Davor saßen Eichhörnchen Hüpf, Igel Stachelchen und die drei Hasenkinder und über ihnen kreisten Willy Kauz und die liebliche schwarze Krähe Gundula. „Was ist denn hier los?“, fragte der Wichtel verwirrt. Hatte er etwas verpasst? Willy war offensichtlich der Wortführer der bunt gemischten Truppe, die ins Zwergenhaus stürzte, und erwiderte: „Na wir wollten dich fragen, ob wir uns aus deinem Schuhschrank ein paar Stiefel borgen können. Du hast doch hoffentlich 4 Paar in deinem Besitz. Dann bleibt sogar noch einer für dich übrig.“ „Was wollt ihr eigentlich alle mit meinen Stiefeln?“, grübelte Puh vor sich hin. „Ach Puh, was ist daran so schwer zu verstehen?“, entgegnete Hase Schnuffi, „morgen ist doch Nikolaustag und da braucht man einen schönen großen Stiefel. Und je größer der Stiefel ist, umso mehr Geschenke passen rein.“ Puh lachte. Also daher weht der Wind. Zwitschi war nun auch zu den Besuchern geflogen und hatte genau gehört, worüber sie da mit Puh verhandelten. „Also gut, für deine Stiefel hast du offenbar schon jede Menge anderer Interessenten. Ich hab's mir noch mal überlegt und ziehe meine Anfrage hiermit zurück. Für mich tut es auch ein Teller, am besten die große Kuchenplatte“, meldete er seine Ansprüche an. „Und was willst du mit der Kuchenplatte?“, erkundigte sich Puh. „Na, es heißt doch so schön im Nikolauslied: Dann stell ich den Teller auf, Niklaus legt gewiss was drauf. Die Kuchenplatte ist also geradezu eine Garantie für mein Geschenk. Wenn ich anstatt der Kuchenplatte einen deiner Stiefel aufstellen würde, dann kann ich nur hoffen. So aber habe ich absolute Gewissheit. Gut, was?“, erläuterte Zwitschi seinen Plan.

„Wie viele Kuchenplatten hast du eigentlich?“, wandte sich Wortführer Willy an den Wichtel und der bunte Chor hinter ihm rief: „Kuchenplatten! Kuchenplatten!“ Puh raubte seinen Freunden mit seinem nächsten Satz jede Illusion: „Hört mal zu ihr Schlauberger. Die Geschenke werden nicht größer, je größer die Stiefel sind. Und die Idee mit der extra großen Kuchenplatte funktioniert genauso wenig wie der Plan mit meinen Stiefeln.“ „Und woher willst du das wissen? Ich wette, du hast nichts davon ausprobiert“, murrte Hüpf. „So etwas weiß man doch. Das muss man nicht ausprobieren. Der Nikolaus packt zusammen mit seinen Hilfswichteln die Geschenkpäckchen für jeden von uns ein. Und ganz egal wie groß Stiefel oder Teller sind, ihr könntet sogar mehrere davon aufstellen. Das Geschenk bleibt das gleiche.“ Allgemeines Gemurmel setzte ein. Hatte der Wichtel womöglich recht mit dem, was er sagte?

Puh war kurz hinausgegangen und kam schwer bepackt zurück. „Seht mal, ich habe da etwas für euch: Hier ist für jeden ein persönlich von mir gezauberter Nikolausstiefel. Ihr könnt sie nachmessen, sie sind alle gleich groß.“ Und damit stellte er 8 zauberhafte rote Filzstiefel mit weißem Pelzbesatz auf den Wohnzimmertisch vor sie hin. „Diese mickrigen Dinger reichen bestenfalls für alle anderen. Mein Geschenk passt da garantiert nicht rein, es wird nämlich viel größer sein“, maulte Zwitschi. „Das glaubst auch nur du“, lachte Willy. „Ich finde, dein Stiefelchen ist für das winzige Stück Kohle, das du zu erwarten hast, völlig ausreichend“, neckte ihn Gundula. „Und mein Stiefelchen ist doch zu klein. Es wird garantiert überquellen“, behauptete der kleine Vogel trotzig. „Ach weißt du Zwitschi, ein Scheit Holz findet neben der Kohle bestimmt auch noch Platz darin“, lachte Stachelchen und Zwitschi schnaubte verächtlich. „Hört mal zu: Ich fürchte, ihr habt den Nikolaus mit eurer Gier nach großen Geschenken heute sehr verärgert“, stellte Puh seufzend fest. „Das könnte schon stimmen“, meinte Hüpf verlegen und zog die Stirn kraus, „Womöglich bringt er uns nun gar keine Geschenke mehr.“ „Wie wäre es mit etwas Versöhnlichem?“, überlegte Langöhrchen laut und schnappte sich eine gebrannte Mandel. „Gute Idee, aber was könnte das sein, dieses Versöhnliche?“, grübelte Spitznäschen und ließ die Hasenohren flattern. „Das wundert mich gar nicht, dass euch dazu nichts einfällt“, sagte Zwitschi an die Hasenkinder gewandt. „Ich wette mit dir, dass dir auch nichts einfällt“, forderte Langöhrchen ihn heraus. „Ich wette nicht, um zu verlieren“, maulte der kleine blaue Vogel. „Ich glaub, ich hab's“, ergriff Willy das Wort, „wir singen, ihm zu Ehren, alle gemeinsam das Nikolauslied. Darüber freut er sich ganz bestimmt.“ „Großartig, und wie er sich freuen wird, vor allem, wenn er mich singen hört“, meinte Zwitschi und dann begannen sie alle gemeinsam zu singen. Sogar Puh stimmte voller Inbrunst mit ein. Zwar hatte er den Nikolaus nicht verärgert, aber es konnte auf keinen Fall schaden, ihm eine Freude zu machen.