Räucherpralinen

„Sag mal Zwitschi, hast du Willy Kauz eigentlich schon gesagt, dass er sich seine Fußwärmer bei mir im Zwergenhaus abholen kann?“, erkundigte sich Puh und sah zur alten Kastanie hinüber. Wochenlang hatte ihm der Kauz in den Ohren gelegen, er solle schneller stricken, seinetwegen sogar so schnell, dass die Nadeln zu glühen begännen. Es sei so wichtig, dass Käuzchen im Winter warme Füße haben. Und nun? „Ja, ich hab's ihm gestern Abend noch einmal gesagt“, erwiderte der kleine Vogel und sah den Wichtel schräg von der Seite an. „Ist was?“, fragte Puh, der den Blick seines gefiederten Mitbewohners bemerkt hatte. „Das frag ich mich auch“, meinte Zwitschi, „Willy scheint nämlich ganz schön stinkig auf dich zu sein und ich frage mich, warum.“ „Unmöglich!“, entfuhr es Puh und in seinem Kopf begannen die Gedanken zu rotieren. Wieso sollte Willy sauer auf ihn sein. Schließlich sagte er leichthin: „Da musst du etwas missverstanden haben.“ „Was bitte kann man an ‚Ich komm morgen mal auf einen Sprung vorbei, mit Puh habe ich sowieso noch ein Hühnchen zu rupfen.‘ missverstehen?“ Der Wichtel konnte sich keinen Reim darauf machen und schüttelte stumm den Kopf.

Als Willy endlich im Zwergenhaus auftauchte, überreichte er ihm die gestrickten Fußwärmer. „Dankeschön“, freute sich der Kauz, „die sind wirklich prächtig geworden und ganz in Pink, genau, wie ich sie bei dir bestellt habe. Ich dachte schon du strickst mir dunkelbraune, denn besonders gut scheinst du mich ja nicht mehr leiden zu können.“ „Wie kommst du denn darauf?“, war Puh sichtlich überrascht. „Da fragst du noch“, brummelte Willy beleidigt. „Na sag schon, weshalb liegt bei dir 'ne Feder quer?“, versuchte ihn der Wichtel zu einer Antwort zu bewegen. „Also schön, ich verrate es dir, aber nur, weil die Fußwärmer so schön pink und kuschelig sind. Es ist dieser blöde Kalender, den du mir geschenkt hast. Schokolade war schon nicht zu essen, Cappuccino war nicht viel besser und Zimtstern war genau so hart wie die beiden anderen Dinger auch. Na ja, und heute, das Teil mit Kirschgeschmack, das hab ich sicherheitshalber aus dem Nest geworfen. Ich will mir meinen geplagten Magen doch nicht noch vollends verderben.“ „Du hast doch nicht etwa die Räucherkerzen vertilgt?“, war Puh fassungslos und schlug die Hände überm Kopf zusammen. „Sag bloß, diese kleinen ungenießbaren Pralinenkegel waren Räucherkerzen!“, rief Willy und schüttelte sich vor Entsetzen. „Was dachtest du denn“, brach es aus Puh heraus. „Na, die Auflistung auf der Rückseite des Kalenders hat sich jedenfalls nach Naschereien angehört. Es gibt nämlich auch noch Bratapfel, Vanille, Butterplätzchen, Kokosmakrone ...“ Zwitschi lief das Wasser im Schnabel zusammen, als er Willy gespannt zuhörte. „Und was ist mit Tanne und Kiefernnadel?“, hakte der Wichtel nach. „Ich dachte, komische Pralinensorten, aber man kann sie ja mal probieren“, verteidigte sich der Kauz. „Und weshalb, glaubst du, ziert die Vorderseite des Kalenders ein Räucherhaus?“, stellte Puh die nächste Frage. „Ich dachte, damit der Kalender schön weihnachtlich aussieht“, meinte Willy. In seinen Ohren klang diese Antwort unglaublich logisch. Deshalb sah er Zwitschi, der sich offenbar köstlich amüsierte, missbilligend an. Auch Puh konnte sich mittlerweile ein breites Grinsen nicht mehr verkneifen, aber wenigstens war er so rücksichtsvoll und drehte dem Kauz den Rücken zu. „Mein lieber Willy, wenn ich das hier von deiner ungenießbaren Kalenderfüllung so höre, dann lässt das meine kandierte Haselnuss von heute Morgen in einem gleißend hellen Licht erstrahlen“, gluckste der Vogel belustigt und zwängte sich durch das angekippte Küchenfenster, um nach der Räucherkerze mit Kirschduft zu suchen. Er wollte seinen beiden Freunden am späten Abend noch das Märchen von der ‚Schneekönigin‘ vorlesen und so ein schöner Kirschduft verlieh dem ganzen sicherlich eine besonders anheimelnde Atmosphäre.