Puhs Erleuchtung

Puh stand am Morgen des 1. Advents am großen Stubenfenster und schaute griesgrämig auf seinen Schwibbogen. Was sollte nun das schon wieder. Jedes Jahr packte er ihn sorgfältig weg und jedes Jahr, wenn er ihn aufstellte, leuchtete er nicht. In den Jahren davor hatte der Wichtel wenigstens noch ein kurzes Aufflackern hervorrufen können, wenn er ein bisschen daran gewackelt und geschoben hatte. Und nachdem er dann die kleinen Glühlämpchen ordentlich festgeschraubt hatte, leuchtete der Bogen in voller Pracht. Aber dieses Jahr gab der Schwibbogen keinerlei Lebenszeichen mehr von sich. „Na woran fehlt es dir denn diesmal?“, murmelte er und rieb sich die Nasenwurzel.

„Danke der Nachfrage“, piepste Zwitschi fröhlich. Endlich hatte sein Wichtelfreund ein Einsehen und erkundigte sich nach seinem Befinden. Das wurde auch langsam Zeit. Die mickrige Rosine in Türchen Nummer drei war wirklich nicht der Renner gewesen. Sofort begann der kleine blaue Vogel seinem Unmut Luft zu machen: „Gut, dass du fragst. Also mir fehlt es an einer angemessen großen Portion Schokolade. Dann möchte ich die mangelhafte Bewirtung mit Spekulatius, Buttermandelgebäck und Zimtsternen anmahnen. Außerdem vermisse ich diese köstlichen Lebkuchen mit Kirschfüllung. Das müsste es gewesen sein. Oder warte mal. Hab ich dir eigentlich schon gesagt, dass ich unter Schokoladenmangel leide?“ Puh nickte und meinte: „Gleich am Anfang deiner langen Auflistung, glaub ich zumindest.“ Dann sah er seinen blau gefiederten Mitbewohner lange prüfend an. „Zwitschi, so viele Süßigkeiten sind nicht gut für dich. Und das weißt du auch. Schließlich warst du es, der mich gebeten hat, deinen Konsum ein wenig zu drosseln, damit du dir die Frühjahrsdiät sparen kannst. Du wirst nur dick und rund.“ „Ich nehme mir einfach den Mond zum Vorbild. Da beschwert sich auch keiner, dass der seit Tagen zunimmt“, erklärte der kleine Vogel und sah Puh fest in die Augen. Der Wichtel hatte zwar Recht mit dem, was er sagte, aber Zwitschi hätte nie gedacht, dass der teilweise Verzicht auf all diese weihnachtlichen Köstlichkeiten so anstrengend sein würde. Da half nur noch Ablenkung:

„Was machst du hier?“, fragte er deshalb. „Ich suche den Fehler in der Elektrik“, brummelte Puh. „Aha“, entgegnete der Vogel, „und wie?“ „Bis eben habe ich an den kleinen Glühlämpchen geschraubt, weil ich dachte ein paar könnten locker sein. Sie sitzen aber alle fest in den Fassungen. Wahrscheinlich ist eins kaputt.“ „Steckt der Stecker denn in der Dose?“, erkundigte sich der kleine Vogel vorsichtig. Bei diesen Wichteln konnte man ja nie wissen. „Natürlich!“, rief Puh entsetzt. Für wie dusselig hielt ihn dieser Vogel eigentlich. „Und was ist mit dem putzigen kleinen Schalter?“, fragte Zwitschi unbeirrt weiter. „Mit welchem Schalter?“ „Na dem da, hier am Kabel von deinem Schwibbogen. Ist der an oder aus?“ „Wie jetzt? Was soll diese Frage. Ich hab den Schalter nicht geschaltet und immer den Stecker gezogen. Dann wird der Schalter wohl genauso an sein wie jedes Jahr.“ „Und wenn nicht?“, bohrte Zwitschi weiter. „Na gut, du Nervensäge, aber ich sage dir, der Schwibbogen wird trotzdem nicht ...“ In dem Moment hatte der Wichtel den Schalter betätigt, „... leuchten“, entfuhr es ihm schwach. „So, und jetzt reden wir noch einmal über meine Mondphase. Ich bin gerade in der zunehmenden Phase, zumindest, wenn ich die Geschichte deiner Erleuchtung nicht im Zauberwald herumtratschen soll. Einen Lebkuchen mit Kirschfüllung kostet dich das. Und damit kommst du noch ziemlich billig davon, denn mit dieser schrumpeligen Rosine heute hast du mein Missfallen erregt.“ Puh nickte und ließ sich auf den Handel ein. Schließlich legte er keinen Wert darauf, die Titelseite der nächsten Waldzeitung zu schmücken - unter der Überschrift: „Unser Puh ist keine große Leuchte!“.