Einleitung

Als Zwitschi ins Zwergenhaus kam, saß Puh, den Kopf traurig in beide Hände gestützt, am Küchentisch und starrte vor sich hin. „Schau mal Puh, Willy und ich haben gerade Mandelhörnchen gebacken, wenn du willst, kannst du ja mal probieren.“ Und damit legte er einen kleinen Beutel vor den Wichtel hin. Der reagierte nicht. „So schlimm?“, fragte der kleine Vogel besorgt. Sein Wichtelfreund war heute Mittag die letzten beiden Stufen der Bodentreppe hinuntergestürzt und hatte sich eine Bänderzerrung zugezogen. „Nein, es lässt sich aushalten, jedenfalls, solange ich den Fuß nicht belaste“, erwiderte Puh, „es ist nur, weil ich Luzie den Adventskalender mit den schönen Fotos, den ich für sie gebastelt habe, nicht bringen kann.“ „Na wenn es nur das ist“, piepste der kleine Vogel fröhlich, „da kann ich dir helfen. Willy und ich wollten sowieso noch einen Spazierflug unternehmen. Schließlich haben wir nicht nur Mandelhörnchen gebacken ...“ Mit dem Schnabel strich er sich genüsslich über die Federn an seinem Bauch. „Wie wäre es, wenn wir Luzie den Kalender nachher vorbeibringen mit schönen Grüßen von dir.“

„Eine fantastische Idee ist das“, freute sich Puh und erst jetzt registrierte er die Tüte mit den Mandelhörnchen. „Für mich?“, fragte er. Zwitschi nickte eifrig: „Wir hoffen, dass wir dich damit ein bisschen aufheitern können.“ „Das ist euch soeben geglückt“, strahlte Puh, nachdem er von einem der Hörnchen abgebissen hatte. Dann deutete er auf das Regalbrett, „und dort liegt der Kalender.“ „Gut, ich hole Willy her und dann fliegen wir los.“

Wenige Augenblicke später kam Zwitschi mit Willy im Schlepptau zurück. „Hast du die Luftpost für Luzie auch ausreichend frankiert?“, fragte der Kauz und zwinkerte Puh schelmisch zu. Der Wichtel lachte: „Na nimm dir schon einen Schokotaler.“ „Nein, ich bin total genudelt, oder besser gesagt gemandelt“, erwiderte Willy. „Machen wir es doch so, du kannst ja noch Porto nachfordern, wenn du wieder da bist“, schlug Puh vor und Willy nickte zufrieden mit diesem Vorschlag. „Na los, jetzt komm schon“, drängelte Zwitschi, „sonst wird unsere Luftpost noch zur Schneckenpost.“

„Was macht ihr denn hier?“, fragte Paul Kauz, der Zwitschi und Willy ein in rotes Papier eingeschlagenes Päckchen durch den Zauberwald transportieren sah. „Wir bringen dieses Päckchen als Luftpostsendung zu Luzie in den Wichtelwald“, erklärte Willy. „Da helfe ich euch gern“, bot Paul an. Schließlich hatte er gerade eben gehört, dass Luzie heute frische Krapfen gebacken hatte. Da konnte es zumindest nicht schaden, seinen Informanten einmal einer gründlichen Überprüfung zu unterziehen. Und so flog er unter dem Paket dahin und stützte es in der Mitte ab, was Willy und Zwitschi den Transport erheblich erleichterte.

Trari, trara
Die Post ist da
Paket von Puh
Wir stell'n es zu
Mit schönem Gruß
Und dickem Kuss

Luzi, die gerade vor ihrem Haus Schnee räumte, stellte die Schneeschippe an die Wand und drehte sich zu den drei gefiederten Freunden um. „Hallo ihr Drei!“, rief sie und hielt die Haustür weit auf:

Schlüpft schnell herein
Warm wird‘s bald sein
Ich decke den Tisch
Die Krapfen sind frisch

Paul strahlte, als Luzie die duftenden Krapfen vor sie hinstellte. Auf seine Quelle war Verlass. Zwitschi und Willy schüttelten die Köpfe, „Liebe Luzie, sei bitte nicht böse, aber wir haben uns heute mit unseren selbst gebackenen Mandelhörnchen die Bäuche vollgeschlagen“, entschuldigten sie sich und überreichten ihr ein Beutelchen. Luzie bedankte sich und gab ihnen einen Kuss auf die Schnäbel. „Ach, wenn ihr nicht wollt, ich kümmere mich um eure Krapfen gleich mit“, meinte Paul Kauz. „Du hättest auch drei davon essen können, wenn sich Willy und Zwitschi einen genommen hätten. Es sind genügend da“, lachte das Wichtelfräulein. „Ich fange am besten mit dem ersten Krapfen an“, sagte Paul und biss hinein. Himbeermarmelade tropfte heraus, die er sich genüsslich von den Federn schleckte. „Köstlich, einfach köstlich“, lobte der Kauz Luzies Backkünste.

„Sagt mal, wieso hat mir Puh eigentlich den Adventskalender nicht selbst vorbeigebracht?“, fragte sie, nachdem sie das Päckchen ausgepackt hatte. „Er hat eine Bänderzerrung“, erklärte Zwitschi. „So ein Pech“, seufzte Luzie bedauernd. „Aber zum Glück drei fleißige Postboten“, meinte Paul schmatzend. „Auf dem Rückweg sind es nur noch zwei Postboten und ein ziemlich sperriges Paket, vollgestopft mit einer ganzen Ladung Krapfen“, spottete Willy. Luzie und Zwitschi lachten. „Also, wenn das so ist, sagt Puh vielen Dank für das Geschenk, und ich komme ihn morgen Mittag besuchen“, sagte das Wichtelfräulein. „Über deinen Krankenbesuch freut er sich bestimmt“, meinte Zwitschi, „und wenn unser Paul noch einen übrig lässt, kannst du Puh sogar einen Krapfen mitbringen.“ „Keine Sorge, ich bin satt“, seufzte Paul zufrieden und putzte sich den Zucker ab.

„Also dann ihr Drei, ich wünsch euch einen guten Rückflug. Seid vorsichtig, denn langsam wird es neblig“, verabschiedete sich Luzie von ihren Besuchern. „Ach das bisschen Nebel“, wiegelte Willy ab. „Mach dir keine Sorgen, wir behalten schon den Durchblick“, meinte Paul gelassen. „Und ich verlasse mich auf die beiden“, erklärte Zwitschi und flog den Käuzchen hinterher.

„Du Paul“, fragte Willy nach ein paar Minuten, „weißt du noch wo wir sind?“ „Wahrscheinlich im Wichtelwald“, erwiderte der. „Wahrscheinlich!“, entfuhr es Zwitschi, „soll das etwa heißen, wir könnten ebenso gut auch schon im Zauberwald sein?“ „Wie kommst du bloß auf Zauberwald? Wir sind doch im Wichtelwald, oder nicht Willy?“, entgegnete Paul. „Jetzt reicht’s mir aber! Ich hab dich doch gerade selbst gefragt, wo wir sind“, fuhr Willy Paul wütend an, „das heißt doch eindeutig, dass ich total orientierungslos bin, sonst hätte ich doch nicht gefragt.“ „Hä, hu, was bist du?“, erschrak Paul. „Orientierungslos und falls du das besser verstehst, mein GPS meldet Totalausfall“, brauste Willy auf. „Moment mal, ihr wisst beide nicht, wo wir sind?“, erschrak Zwitschi. Er musste unbedingt nach Hause. Schließlich wollte er morgen das erste Türchen seines Adventskalenders nicht ungeöffnet lassen. „Woher soll man hier wissen, wo man ist, bei dieser Nebelsuppe“, maulte Paul verstimmt. „Und wieso fliegst du dann einfach immer weiter“, fauchte Zwitschi ihn an. „Ich dachte, Willy weiß schon, was er tut und da habe ich mich ihm angeschlossen“, erwiderte Paul. „Und ich dachte, Paul hat hier die Übersicht“, erklärte Willy. „Wie denn, ohne Nebelscheinwerfer“, murrte Paul. „Wo bin ich hier bloß hingeraten?“, piepste Zwitschi. „Jedenfalls, wenn du es herausgefunden hast, gib uns bitte Bescheid“, entgegnete Paul, was Zwitschi ein wütendes Zischen entlockte.

„Regt euch wieder ab, da vorn lichtet sich doch schon der Nebel“, erklärte Willy und zeigte die Richtung an. Es stimmte, der Nebel wurde tatsächlich lichter. Und plötzlich schwebten sie unter einem klaren Sternenhimmel dahin. Doch halt: Das war doch nicht der Zauberwald. Aber der Wichtelwald war es auch nicht. Wo waren sie dann ...