Kapitel 7

Zwitschi erwachte am späten Morgen und streckte sich genüsslich. War das gemütlich in seinem Schlafkörbchen. Vor allem die Kuscheldecke war heute besonders schön weich. Doch als er versuchte sie dichter an sich heranzuziehen, kam Bewegung in die Decke. „Zwitschi“, beschwerte sie sich jetzt auch noch zweistimmig, „was soll denn das.“ Der kleine Vogel riss erschrocken die Augen auf. Sprechende Kuscheldecken? Wo gab es denn sowas? Als er links und rechts von sich blickte, beantwortete er sich diese Frage mit: nirgendwo. Nein, sprechende Decken gab es nicht mal in der Märchenwelt. „Entschuldigt bitte“, bat er Willy und Paul Kauz um Verzeihung. „Schon gut“, meinte Paul gelassen. „Hoch mit euch. Mein Magen meldet, dass es Zeit zur Fütterung ist“, sagte Willy deutlich weniger gelassen und deutete in die Richtung, wo er gestern Nacht das Licht des Räuberhauses gesehen hatte. „Du willst wirklich dorthin? Hast du die Kakakakatze vergessen“, hakte Zwitschi nach und sein Schnabel klapperte bei dem Gedanken. „Ich habe noch einmal genau darüber nachgedacht. Die Katze ist alt und hat stumpfe Zähne“, erklärte Willy im Brustton der Überzeugung. „Und was ist mit ihren Krallen?“, bohrte Zwitschi nach. „Schnickschnack“, würgte Willy dessen Einwand ab, „ich brauch jetzt Frühstück, und du kommst mit, sonst zeig ich dir meine Krallen. Alleine lassen kann man dich ja schließlich auch nicht.“ Ein Blick in die entschlossenen Augen seines Freundes genügte und Zwitschi gab es auf.

Vor dem Räuberhaus war alles still und friedlich. „Klopfen wir an oder fliegen wir durch das Fenster, durch das die vier Stadtmusikanten in das Räuberhaus eingefallen sind?“, fragte Paul. „Nehmen wir das Fenster“, sagte Willy kurz entschlossen. Sein Hunger ließ ihn jegliche Vorsicht vergessen. Schon wollte er durchstarten, als Paul sagte: „Moment, Moment, lass uns wenigstens mal darüber nachdenken, ob wir etwas an dem Märchen verändern, wenn wir in das Räuberhaus einfallen.“ „Nein“, knurrte Willy genervt. „Nein nicht darüber nachdenken oder nein wir verändern nichts“, wollte es Paul genauer wissen. „Wir verändern nichts, verflixt und zugefedert noch mal“, gab Willy barsch zurück und flog auf den gedeckten Tisch. „Nun kommt es auf uns auch nicht mehr an“, meinte Zwitschi und flog hinter Willy her. Stimmt, dachte Paul. Selbst wenn ihr Auftauchen ein Fehler wäre, was würde es bringen, wenn er hier draußen allein hungrig wartete.

Die Bremer Stadtmusikanten saßen in fröhlicher Runde bei Wein, Schinken, Brot und Käse. Der Hund hatte Eier in der Pfanne zubereitet. Sie freuten sich über die gefiederte Gesellschaft, vor allem die Katze. Sie kam aus dem Schnurren nicht mehr heraus und jetzt konnte Zwitschi sehen, dass die Zähne durchaus nicht stumpf waren. Das kommt davon, wenn Geschichten erst ewig weitererzählt werden, bevor sie einer aufschreibt, dachte er. „Keine Sorge, die tut nur so“, beruhigte ihn der Esel, „die kriegt nicht mal mehr ihren eigenen Schwanz zu fassen.“ Diese Rede entlockte der Katze ein mürrisches Fauchen. „Wollt ihr nicht bei uns bleiben und gemeinsam mit uns musizieren?“, fragte der Hund. Die drei hatten gerade die Schnäbel voller Käsestücke und schüttelten deshalb einträchtig die Köpfe. Als sie satt waren, bedankten sie sich für das reichliche Mahl und Willy fragte: „Wisst ihr zufällig, wo wir die Frau Holle finden können?“ Der Esel lachte: „Du fragst uns, ob wir wissen, wo wir Frau Holle finden? Das ist zu komisch. Oder denkst du etwa, dieses Haus hier ist Bremen?“ „Na, was hab ich dir gesagt“, triumphierte Zwitschi. „Schnabel“, knurrte Willy. „Gibt es hier vielleicht eine Karte von der Märchenwelt?“, erkundigte sich Paul. Die vier Stadtmusikanten wussten es nicht, halfen aber bei der Suche danach.

„Dann müssen wir uns also wieder auf uns selber verlassen“, seufzte Paul resigniert, als klar war, dass es eine solche Karte im Räuberhaus nicht gab. „Hat ja bis jetzt auch schon so super geklappt“, beklagte sich Zwitschi. Aber was sollten sie machen, außer sich wieder auf den Weg. Die Bremer Stadtmusikanten wünschten ihnen viel Glück bei ihrer Suche und verabschiedeten sie.