Kapitel 6

Zwitschi sauste wie von der Tarantel gestochen davon. „Das ist doch nicht wahr“, stöhnte Willy. „Und ob das wahr ist, das siehst du doch! Warte doch mal Zwitschi!“, rief Paul dem kleinen blauen Vogel nach. Doch der schien es nicht zu hören. „Hiergeblieben!“, brüllte Willy so laut er konnte. Wenn er seine Flügel schonen wollte, durfte er auf seine Stimmbänder keine Rücksicht nehmen. „Meine Güte, legt der ein Tempo vor“, keuchte Paul Kauz und versuchte Zwitschi zu folgen. Willy war schon nach zweihundert Metern weit abgeschlagen und sah seinen Kauzenfreund nur noch undeutlich vor sich. Paul war hin und her gerissen. Weder Willy noch Zwitschi wollte er verlieren. Aber wie? Da geschah etwas Seltsames. „Iah, iah!“, klang es von irgendwoher zu ihnen herüber. Zwitschi erschrak und stoppte abrupt im Flug ab. Was war das? „Iah, Iah!“, rief es erneut. Zwitschi wandte sich um und fragte: „Hört ihr das auch? Da muss irgendwo ein Esel sein.“ Keine Antwort. Wo waren seine Freunde? Den kleinen Vogel durchfuhr es siedend heiß. Er hatte Paul und Willy auf seiner Flucht vor Riese, Käse und Schneiderlein abgehängt. Hoffentlich würden sie ihn wiederfinden, dachte er und flog in die Krone einer stattlichen Eiche. Paul sah ihn dort aus weiter Ferne landen und beschloss, erst einmal auf Willy zu warten, der weit zurückgeblieben war.

Kaum hatte sich Zwitschi niedergelassen, da krähte es aus vollem Halse. Der Vogel erschrak und erblickte neben sich einen dicken Hahn mit rotem Kamm und spitzem Schnabel. Als der Hahn erneut krähte, verlor Zwitschi die Nerven und verließ das oberste Stockwerk des Baumes. Ein paar Etagen tiefer war es bestimmt anheimelnder. Ganz in der Nähe begann es plötzlich zu bellen und auch das markerschütternde Iah ließ sich wieder vernehmen. Zwitschi versuchte es zu überhören, doch es gelang ihm nicht. Langsam begann es in ihm zu arbeiten. Er war in der Märchenwelt. Hund, Esel, Hahn, irgendwie kam ihm diese Kombination von Tieren sehr bekannt vor. Doch, fehlte da nicht noch einer? Schlagartig schoss ihm Kakakatze durch den Kopf und er sah sich panisch um. Weit brauchte er nicht zu schauen, denn nur ein paar Schritte von ihm entfernt funkelten zwei gelbgrüne Augen.

Der Ast begann leicht zu vibrieren, denn die Katze hatte sich in Bewegung gesetzt, um die Distanz zwischen ihnen weiter zu verringern und dem kleinen Vogel ganz nahe zu sein. Ihr zufriedenes Schnurren war deutlich zu hören und Zwitschi sah im Mondlicht, wie ihre rosa Zunge behaglich über das Mäulchen leckte. Wegfliegen, du musst wegfliegen, dachte er. Das war ein guter Gedanke, ohne Frage, doch er saß fest, als hätte er gerade Wurzeln geschlagen. Flieg, Zwitschi flieg, sagte er zu sich, wenn dich die Miezekatze frisst, verändert sich das Märchen und dann ... Na, dir kann das ja im Prinzip egal sein, du steckst ja dann in der Katze. Aber Willy und Paul, die kommen nicht zurück in den Zauberwald. Gerade, als keine Rettung mehr in Sicht schien und der kleine Vogel den heißen Atem der Katze spürte, verkündete der Hahn lautstark: „Nicht weit von hier ist ein Lichtschein zu sehen!“ Der Esel meinte, dass sie sich noch aufmachen sollten. Glücklicherweise schien auch die Katze diesem Vorschlag zuzustimmen, denn sie sprang herunter und folgte ihren Kameraden.

Zwitschi saß noch immer wie versteinert auf seinem Ast, als Paul und Willy ihn endlich erreichten. „Beinahe wäre nichts mehr von mir übrig gewesen, außer vielleicht ein paar Knochen und Federn“, erklärte der kleine Vogel und erntete verständnislose Blicke. „Nun übertreib mal nicht“, versuchte Willy den aufgeregten Freund zu beruhigen, „so schnell magert man schließlich nun auch wieder nicht ab.“ „Außerdem bist du ja derjenige von uns mit einem Musbrot und zwei Fliegen im Plus“, ergänzte Paul. „Wer redet hier von Abmagern, Ich bin noch nicht mal hungrig“, erklärte Zwitschi. „Im Ernst? Dass so etwas überhaupt möglich ist“, lachte Willy. „Ja, das ist mir auch neu“, erwiderte Zwitschi, „das muss wohl an der bösen alten Miezekatze liegen, die bis vor einer Minute direkt neben mir gesessen hat. Die ist mir bestimmt ein bisschen auf den Magen geschlagen.“ „Katze“, entfuhr es Paul und ihm blieb der Schnabel offen. Auch Willy begann zu zittern. „Zum Glück hat der Esel bei den Bremer Stadtmusikanten das Kommando und so haben sie sich auf den Weg zum Räuberhaus gemacht“, wusste Zwitschi zu berichten. „Dann können wir ja beruhigt schlafen“, gähnte Paul. „Ja, das ist eine ausgezeichnete Idee. Wir lassen die Vier erst einmal die Räuber vertreiben. Und morgen können wir vielleicht mit ihnen im Räuberhaus das Frühstück einnehmen. Es wäre ja möglich, dass sie den Weg zu Frau Holle kennen“, entschied Willy. „Die haben ja noch nicht mal den Weg nach Bremen gefunden“, gab Zwitschi zu bedenken. „Eben deshalb“, meinte Willy Kauz und schloss die Augen. Zwitschi war kein Freund von dieser Theorie, aber irgendwie auch viel zu müde, um mit Willy darüber zu streiten. Er kuschelte sich zwischen seine beiden Freunde. Als er ihre Wärme spürte, fühlte er sich geborgen und sicher und schlief friedlich ein.