Kapitel 5

Im Zwergenhaus saß Puh über seinen Zauberbüchern. Vielleicht fand er ja dort einen Spruch, der ihnen einen Blick in die Märchenwelt ermöglichte. Inzwischen hatte er eine ganze Kanne Kamillentee geleert, weil er sich so sehr über Luzie aufgeregt hatte, von der immer noch keine blaue Haarsträhne zu sehen war. Bis nachher, dachte der Wichtel verärgert, musste aber dann gähnen. Ärger hin, Aufregung her, der beruhigenden Kraft der Kamille hatte er nichts mehr entgegenzusetzen. Und so kam es, dass er über seinen Büchern eingenickt war, als es an die Tür klopfte. „Ich mach auf“, sagte Wuschel und lief aus der Stube. Puh rief: „Das hat aber auch gedauert!“ Da kamen die Hasenkinder und die Krähe Gundula hereingeschneit. „Ach ihr seid‘s bloß“, knurrte Puh. „Was für eine überaus nette Begrüßung“, sagte Gundula. „Mach dir nichts draus“, tröstete sie Wuschel, „so begrüßt er jeden, seit Zwitschi in der Welt der Märchen verschollen ist.“ „Zwitschi ist wo?“, fragte die Krähe entsetzt. „In der Märchenwelt, zusammen mit Willy und Paul.“ Und dann erzählte Puh seinen Besuchern, was er bislang in Erfahrung gebracht hatte und dass er nun ungeduldig auf Luzie warte, weil sie vielleicht einen Spruch im Gepäck habe, mit dem man in die Märchenwelt schauen kann.

Hase Schnuffi merkte auf. Er hatte gehört, wie sich etwas mit schweren schleppenden Schritten durch den Garten auf das Haus zu bewegte. Seine Brüder Langöhrchen und Spitznäschen eilten zur Haustür und rissen sie auf. „Luzie, da bist du ja!“, riefen sie und halfen ihr den großen Rollkoffer in die Stube zu ziehen. „Das wurde ja auch Zeit“, empfing sie Puh und sah verdutzt auf ihr Gepäck. „Und da drin ist der Spruch?“ „Ach Unsinn“, lachte Luzie, „den Spruch habe ich hier drin.“ Und damit deutete sie auf ihren Kopf. „Und wozu der Koffer?“, fragte Puh. „Ich dachte, ich lasse dich in der Stunde der Not nicht allein, kümmere mich ein bisschen um deinen Fuß und bleibe so lange hier im Haus, bis Zwitschi wieder bei dir ist.“ „Aber ... auf Damenbesuch bin ich gar nicht vorbereitet“, stammelte Puh und zog hektisch ein altes Paar Socken aus der Sofaritze. „Sieht so aus“, lächelte Luzie, „aber ich werde versuchen, darüber hinwegzusehen oder darüber hinwegzufallen, wie über deine unzähligen Schuhe, die im ganzen Flur verstreut liegen.“ „Die liegen da so verstreut, weil schon alle anderen darüber hinweggefallen sind“, murmelte Puh schuldbewusst und humpelte hinaus, um sie ins Regal zu räumen.

Als er wieder zurückkam, fragte er: „Was ist das nun für ein Spruch, den du in deinem schlauen Köpfchen hast?“ „Auf Kittys Sammelwut ist Verlass, sie hat ihre Gebrauchsanweisung fein säuberlich in einem Ordner abgeheftet, ganz im Gegensatz ...“ „... zu dir, das wolltest du doch sagen oder“, unterbrach Puh ihren Redefluss und schnaubte wütend. Luzie grinste schelmisch: „Ja, ja schon gut, kürzen wir die Sache ab. Der Spruch lautet also:

Lieber Spiegel, es würde uns sehr entzücken
Könnten wir Willy, Zwitschi und Paul jetzt erblicken
Wir haben dich auf Empfang gestellt
Zeig uns Bilder aus der Märchenwelt“

Alle drängten sich nun um den Wunderspiegel und warteten gespannt. Das goldene Tor zur Märchenwelt wurde sichtbar. „Das hab ich mit meinem Spruch aber auch geschafft“, brummelte Puh. Dann wurde er aber ganz still, denn die Flügel des goldenen Tors schoben sich auseinander und gaben den Blick in die Märchenwelt frei. „Da sind ja Paul und Willy!“, rief Gundula aufgeregt. „Stimmt, da sitzen sie, im Geäst einer Weide“, sagte Wuschel. „Und wer ist das da?“, fragte Puh, als er das kleine schmächtige Männlein unter dem Baum erblickte. „Hast du den Spruch auf seinem Gürtel nicht gelesen? Da steht: Sieben auf einen Streich. Das ist das tapfere Schneiderlein“, erklärte Schnuffi und seine Hasenohren zitterten vor Aufregung. Was würde hier gleich passieren. „Pssst, hört ihr das?“, fragte Langöhrchen. Eindeutig, wenn sie still waren, konnten sie schwere Schritte kommen hören. „Der Riese ...“, flüsterte Wuschel und hielt eine Hand vor den Mund.

„Wollen wir doch mal sehen, ob du auch Kraft hast“, tönte der Riese und Willy und Paul zuckten zusammen. „Ist der riesig“, raunte Willy Paul ins Ohr. „Klar, er ist ja der Riese“, lachte der. „Aber so riesig hab ich mir Riesen nicht vorgestellt“, meinte Willy, während er sah, dass eben dieser riesige Riese Wasser aus einem Stein drückte. „Achtung, Nase zu“, warnte Paul seinen Kauzenfreund, „jetzt quetscht das Schneiderlein den Stinkekäse aus.“ Und tatsächlich, der Saft lief aus dem Käse, dass es eine wahre Freude war, wenn man es nicht riechen musste. Der Riese forderte den Schneider nun zum zweiten Duell heraus, denn er wollte sich nicht so schnell geschlagen geben. Er warf einen Stein so hoch er konnte und forderte den Schneider auf, ihm das nachzutun. Da griff der Schneider in die Tasche ...

„Das ist doch nicht etwa ...“, war Puh fassungslos. Er hatte in der Hand des Schneiders ein paar blaue Federn blitzen sehen. „Doch ist er“, krächzte Gundula aufgeregt. „Flieg Zwitschi, flieg!“, riefen die Hasenkinder und klatschten in die Pfoten. Sie sahen wie Zwitschi durchstartete. „Zwitschi, Zwitschi!“, rief nun auch Wuschel und ballte die Fäuste in den Hosentaschen. „Wie elegant er dahingleitet“, bemerkte Gundula. Dann sahen sie noch, wie Willy und Paul sich ebenfalls in die Lüfte erhoben und dem kleinen Vogel nacheilten. Plötzlich hatte der Spiegel Sendepause. Ein dichter Nebel legte sich über das Bild und die Torflügel zur Märchenwelt schlossen sich.

„Sag den Spruch noch mal!“, rief Puh ungeduldig. „tut mir leid“, sagte Luzie bedauernd, „aber man kann ihn nur einmal am Tag aufsagen. Ich fürchte, wir müssen bis morgen warten.“