Kapitel 3

„Also los Jungs, die übel gelaunte Musfrau ist abgezischt, stürmen wir die Bude!“, schlug Zwitschi voller Tatendrang vor. „Ruhig Blut Blauer“, zügelte ihn Willy, „lasst uns erst mal durchs Fenster schauen.“ „Na gut, wenn du meinst“, gab der kleine Vogel mürrisch nach. „Ja das meine ich, zuerst einmal das Terrain sondieren ist immer gut“, behauptete Willy. „Zuerst einmal das was son... Was ist immer gut? Wozu?“, verstand Zwitschi nur Bahnhof. Aber dann schauten sie durch das geöffnete Fenster in die Werkstatt. Das Schneiderlein bestrich gerade eine große Brotscheibe mit Pflaumenmus und sang fröhlich dabei. An der dem Fenster gegenüberliegenden Wand hing ein besticktes Tuch. Pauls Stimme zitterte, als er die Stickerei leise vorlas:

Durch Frau Holles Tor mit etwas Glück
Kommt man aus der Märchenwelt zurück
Verändert man der Märchen Lauf
Tut sich Frau Holles Tor nicht auf

„Na, was hab ich euch gerade gesagt“, war Willy sichtlich stolz. „Ja, ja“, erwiderte Zwitschi genervt. „Fassen wir mal zusammen: Wir brauchen jetzt also nur das Tor der Frau Holle zu suchen und dürfen dabei an keinem Märchen herumpfuschen, und schon sind wir zu Hause“, gab Paul einen kurzen Überblick ihrer Lage zum Besten. „Klingt nach einem Spaziergang“, meinte Willy leichthin. „Hat bestimmt eher was von Schnitzeljagd ohne Schnipselspur“, sagte Zwitschi skeptisch und runzelte die Stirn. „Seht mal, beim Schneiderlein stehen einige Bücher im Regal, vielleicht enthält ja eines davon eine Karte der Märchenwelt, die uns den Weg zur Frau Holle zeigt, und zwar bevor Zwitschi irgendetwas Dummes anstellen kann“, verlieh Paul seiner Hoffnung Ausdruck. „Etwas Dummes? Ich?“, fragte Zwitschi mit Unschuldsmiene. Paul winkte ab. „Dann lasst uns doch endlich nachsehen, was das für Bücher sind“, schlug Willy vor und hüpfte auf dem Fensterbrett ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. „Dann mal los, aber denkt dran, wir dürfen an keinem der Märchen herummurksen, und das gilt auch für das Märchen vom tapferen Schneiderlein“, wiederholte Paul gebetsmühlenartig. „Ja, ja“, fuhr ihn Zwitschi gereizt an. Diese Ermahnung zielte ja wieder mal ausschließlich auf ihn ab. Da war er sich sicher. Das Schneiderlein hatte inzwischen die Fliegen erschlagen und gezählt und stickte munter an seinem „Sieben auf einen Streich“. Und so bemerkte es gar nicht, dass sich drei Vögel heimlich, still und leise in die Schneiderstube stahlen.

Wo Luzie nur bleibt, dachte Puh und nagte an seiner Unterlippe. Wie lange dauerte dieses „bis nachher“ denn noch. Dabei war erst eine Stunde vergangen. Da hörte er die Tür quietschen. „Das wurde ja auch Zeit“, seufzte er erleichtert. Dann sah er Wuschel, der seinen Kopf in die Stube steckte: „Ach du bist das nur“, knurrte er. „Das ist ja eine nette Begrüßung“, beschwerte sich sein Koboldfreund. „Soll ich dich auch an mein Herz drücken wie Luzie und mich entschuldigen?“, fragte Puh. „Entschuldigen reicht vollkommen“, erwiderte Wuschel und legte eine Salbe auf den Tisch. „Die habe ich dir mitgebracht. Ich werde deinen Fuß jetzt mal ordentlich verarzten“, sagte er und wechselte den Verband. „Woher weißt du von meiner Bänderzerrung?“, fragte Puh. „Von Luzie, ich habe sie vorhin gerade getroffen. Sie schien sehr in Eile“, sagte der Kobold. „Das will ich auch hoffen, dass sie sich beeilt“, knurrte Puh. „So eine üble Laune“, war Wuschel verwundert. „Tut mir leid, ich mache mir große Sorgen um Zwitschi, Willy und Paul. Die drei sind nämlich in der Märchenwelt verschollen“, erklärte Puh. Wuschel schaute ihn überrascht an. „Das ist doch nicht möglich“, entfuhr es ihm. „Bei den dreien ist alles möglich“, entgegnete Puh. „Auch wieder wahr“, gab ihm Wuschel recht.

„Zwitschi, was machst du da?“, flüsterte Paul in die Richtung des kleinen blauen Vogels. Während die Käuzchen in den Büchern des Schneiderleins geblättert hatten, war Zwitschi hinüber zu dem Pflaumenmusbrot geflogen und hatte Löcher hineingefressen. „Lass das, wir sollen doch nichts an den Märchen verändern“, warnte ihn Willy. „Das mach ich doch nicht. Es bleibt ungeklärt, was aus dem Musbrot wird, also ist es egal, ob ich es rings um die toten Fliegen herum verputze“, erklärte Zwitschi und riss ein weiteres Stück heraus. Paul beobachtete nun, wie das Schneiderlein durch das Haus ging. Offenbar hatte es beschlossen, in die Welt hinauszuwandern. „Zwitschi, los weg jetzt“, zischte er dem kleinen Vogel zu. „Warte doch mal“, gab der seelenruhig zurück, „schließlich will ich nicht riskieren, hier in der Märchenwelt den Hungertod zu erleiden.“ Und ein weiteres Brotstück verschwand in seinem Schnabel. Paul wandte sich angewidert ab. „Nur Schnittmuster“, meinte Willy resigniert, als er das letzte Buch durchgeblättert hatte, „verduften wir.“ „Ich habe nichts dagegen“, sagte Paul, „aber ...“ Er deutete auf Zwitschi, der sich gerade ein Stück Brotrinde einverleibte. „Mist, der Schneider hat den Käse schon in der Tasche“, raunte Willy Paul ins Ohr. „Jetzt braucht er nur noch ...“ Und da war es schon passiert. „Ich habe das Gefühl, dass ich dich brauchen kann“, sagte das Schneiderlein, stopfte Zwitschi zum Käse in die Tasche und verließ die Werkstatt.