Kapitel 2

„Schaut mal, da vorn!“, rief Zwitschi. Ja, sie hielten direkt Kurs auf ein Haus und konnten schon bald deutlich ein großes Schild lesen: „Schneiderwerkstatt“. „Na dann, hinein mit uns“, sagte Paul forsch. „Nur damit ich es verstehe: Wir sind hier irgendwo im nirgendwo gelandet und du willst dich neu einkleiden lassen?“, maulte Zwitschi. „Gar keine so schlechte Idee“, meinte Paul, der seine neue Mütze seit ihrem Herumgestocher im Nebel schmerzlich vermisste. „Aber erst, nachdem wir erfahren haben, wie wir zurück in den Zauberwald oder meinetwegen auch den Wichtelwald kommen“, sagte er dann. Damit war Zwitschi einverstanden und sie wollten sich schon zur Tür begeben, als eine alte Frau des Weges kam und rief: „Mus feil, gutes Mus feil!“ Sie betrat die Werkstatt, nachdem sie der Schneider hereingerufen hatte. „ach du liebes bisschen“, erschrak Paul, dem die Szene sehr bekannt vorkam. „Nein, das darf nicht wahr sein“, entfuhr es Zwitschi, denn ihm ging auch gerade eine ganze Festbeleuchtung auf. „Was habt ihr denn?“, fragte Willy verwirrt. „Ach nichts weiter, Mir scheint nur, dass ich mit euch zusammen im größten Schlamassel stecke, in dem ich je gesteckt habe“, fauchte Zwitschi. Willy blinzelte immer noch verwirrt. Allerdings war er sich nach Zwitschis Worten sicher, dass sie tief in der Tinte sitzen mussten. „Für dich Willy, das heißt, dass wir in der Märchenwelt Station gemacht haben“, zischte Paul wütend, „und ich habe meine Kamera vergessen.“ „Deine Sorgen möchte ich haben“, knurrte Zwitschi ihn an. „Sososoll das etwa das tapfere Schneiderlein sein“, begriff Willy langsam. „Na ja, ich hatte eher an Rotkäppchen gedacht, aber jetzt, wo du‘s erwähnst“, spottete Zwitschi. „Rotkäppchen? Hä, hu, warum?“, fragte Willy und sah Zwitschi entgeistert an. „Geschenkt“, winkte der kleine Vogel großzügig ab. „Und jetzt?“, fragte Willy. „Gute Frage“, meinte Paul und Willy freute sich, weil Paul seine Frage so gut gefiel.

Puh hatte den Wunderspiegel endlich gefunden und in seinem Zauberbuch nach einem Spruch gekramt, während Luzie die Reibekuchen backte. Irgendwie musste man doch herausfinden, wo die drei Vögel steckten. Endlich hatte er die passenden Zeilen gefunden:

Zwitschi, Willy, Paul sind fort.
Wo sind sie, an welchem Ort?
Lieber Spiegel zeige an,
wo ich die drei finden kann.

Der Nebel im Spiegel lichtete sich und gab den Blick auf ein goldenes Tor frei, das Tor zur MÄRCHENWELT. Puh erschrak: „Wie kommen die bloß in die Märchenwelt?“ „Keine Ahnung, vielleicht hat das ja was mit diesem Nebel zu tun“, murmelte Luzie und legte den Finger an ihre Nase. Puh stutzte: „Die weitaus entscheidendere Frage wäre allerdings: Wie kommen sie von dort zurück nach Hause?“ „Lass mich mal nachdenken“, bat Luzie, stemmte die Hände in die Hüften und lief gedankenverloren vor dem Herd hin und her. „Umdrehen“, sagte Puh. Luzie wandte ihm ihr Gesicht zu. „Ich glaube nicht, dass das viel hilft“, lachte er und deutete auf die Reibekuchen. Luzie drehte sich schwungvoll zur Pfanne und wendete den Inhalt. Als sie den letzten Reibekuchen auf einen Teller gelegt hatte, sagte sie: „Es ist mir wieder eingefallen! Ich habe mal gehört, durch das Tor von Frau Holle kann man wieder zurück in unsere Welt gelangen. Aber es ist wichtig, dass an keinem der Märchen etwas verändert wird.“ Dann setzte sie sich zu Puh an den Küchentisch und sie begannen zu essen. „O nein, hoffentlich sehen wir sie jemals wieder“, flüsterte Puh und schob sich einen Löffel Apfelmus in den Mund. „Wiedersehen, Moment. Warte mal, da müsste es auch noch einen Spruch geben, der es ermöglicht, für ein paar Minuten am Tag durch den Wunderspiegel in die Märchenwelt zu schauen. Vielleicht können wir sie so wenigstens ein bisschen im Auge behalten“, sagte Luzie. „Klingt gut, und woher nehmen wir den Spruch“, erkundigte sich Puh und griff nach dem zweiten Reibekuchen. „Hast du die Gebrauchsanweisung für den Spiegel noch irgendwo herumliegen?“, fragte Luzie. „Natürlich“, stieß er genervt hervor, „als ob ich jeden blöden Schnipsel Papier aufheben würde.“ Dann besann er sich: „Entschuldige bitte.“ „Bevor ich dir jetzt einen Vortrag halte, dass es sich bei der Bedienungsanleitung wohl eher um ein Heft handelt, als um einen Schnipsel, werde ich zu Kitty gehen und sie danach fragen. Sie hat zwar ihren Spiegel zerbrochen, aber sie hebt immer allen Krempel auf, warum nicht diese Gebrauchsanweisung.“ „Ich fürchte das kann ich dir ganz genau sagen“, sagte Puh resigniert, doch Luzie überging es. Mit einem Kuss verabschiedete sie sich von Puh und sprach: „Bis nachher und Kopf hoch, es wird schon alles gut.“ „Das fällt mir schwer zu glauben, denn Zwitschi sorgt bestimmt nicht nur im Zauberwald für ordentlich Chaos ...“, war Puh wenig optimistisch und machte sich über den Abwasch her. Es tat gut, die Hände ein bisschen zu beschäftigen. Und mit einem Fuß in der Luft ließ es sich am Spülbecken gar nicht so übel stehen.