Kapitel 1

Zwitschi erwachte im morgendlichen Sonnenschein und sah sich verstört um. Wo war er nur? Ach ja. Er war gestern mit Willy und Paul durch dichten Nebel geflogen und dabei hatten sie die Orientierung vollkommen verloren. Plötzlich war die Sicht wieder klarer geworden, aber das hatte nicht viel genützt, denn sie kannten die Gegend, in der sie sich nun befanden, nicht. Und da die Dunkelheit bereits hereingebrochen war, hatten die drei beschlossen, es sich auf einem der stattlichen Bäume bequem zu machen und am nächsten Tag über den Rückflug zu beratschlagen. Und genau auf diesem Baum saßen sie noch. Es war, wie Zwitschi erfreut feststellte, ein Kirschbaum, brechend voll von reifen schwarzen Kirschen, die nur darauf zu warten schienen, dass er davon probierte. Kirschen? Mitten im Winter? Was war hier los? Willy und Paul schliefen noch und rührten keine Feder. Sollte er sie wecken? Na, er konnte es zumindest mal versuchen. „Guten Morgen meine Herren Kauz, das Frühstück ist bereits auf Ihrem Ast serviert“, sagte er und gluckste. Paul schlug ein Auge auf: „Frühstück?“, fragte er verwirrt und öffnete nun Auge Nummer zwei. „Sieh dich ruhig um, es ist reichlich gedeckt“, lachte Zwitschi und ließ sich die erste Kirsche schmecken. Paul schüttelte sich. Was machte er am 1. Dezember mitten in einem Kirschbaum zusammen mit Zwitschi und Willy? Ach ja, sie hatten gestern beschlossen sich hier niederzulassen und zu warten, was der morgige Tag brachte. „O welch ein Glücksfall, wir haben einen Ast mit Frühstück gebucht“, sagte er erfreut und schnappte nach einer Kirsche. „Ach nee“, lachte Zwitschi, „du bist ja ein echter Blitzmerker.“ „Was ist hier denn für ein Getöse?“, beschwerte sich Willy und blinzelte in die Sonne. „Ach ihr seid das. Was macht ihr denn in meinem ...“ Eigentlich wollte er Nest sagen, doch das Wort kehrte auf dem Weg nach draußen wieder um, denn Willy wurde plötzlich klar, dass er nicht in seinem Nest war. „Das Buffet ist eröffnet“, lachte Paul und spuckte einen Kirschkern in Willys Richtung. „Treffer versenkt“, verkündete er zufrieden. Willy war nun plötzlich hellwach und dann begann sie, die heiße Schlacht am kalten Kirschenbuffet.

„Ich bin satt“, sagte Zwitschi und strich sich mit dem Schnabel über den runden Bauch, „aber der Inhalt meines ersten Kalendertürchens, der würde schon noch reinpassen.“ „Das glaub ich sofort, aber dafür müssten wir erst mal zurück nach Hause in unseren schönen Zauberwald“, meinte Willy. „Was wiederum voraussetzt, dass wir wissen, wo wir uns jetzt gerade befinden“, überlegte Paul. „Das kann ich dir sagen“, piepste Zwitschi, „mitten auf einem Kirschbaum.“ „Und global betrachtet?“, fragte Paul. „Im Wald, denn rings um uns sind noch mehr Bäume“, erwiderte Zwitschi. „Und was ist das für ein Wald?“, stellte Paul die nächste Frage. „Ich kann dir sagen, welcher es nicht ist. Es ist nicht der Wichtelwald und es ist nicht der Zauberwald“, entgegnete Zwitschi. „Aber einer mit sehr lecker bestückten Bäumen“, gab Willy seinen Senf dazu und nickte in Richtung der benachbarten Kirschbäume. „Lasst uns ein Stück fliegen. Vielleicht haben wir Glück und es kommt uns irgendwas bekannt vor. Oder wir treffen jemanden, den wir nach dem Weg fragen können“, schlug Paul vor. „Du hast recht, wenn wir hier sitzen bleiben, kommt der Zauberwald garantiert nicht unten drunter vorbeigedreht, sodass wir uns bloß hineinfallen lassen müssen“, meinte Zwitschi und dann erhoben sie sich in die Lüfte.

Als Puh am Morgen des 1. Dezembers erwachte, war Zwitschi nicht in seinem Schlafkorb. Wahrscheinlich hatten er und Willy bei Luzie übernachtet, weil es spät geworden war. Kein Grund zur Sorge, sagte sich der Wichtel und humpelte ins Badezimmer. Auch nach dem Frühstück war Zwitschi noch nicht nach Hause gekommen. Vielleicht brachte er Luzie mit und sie kochten dann alle gemeinsam. Er konnte ja schon mal Kartoffeln schälen. Als er damit fertig war, hüpfte der Wichtel mühsam durch die Küche, holte die Kartoffelreibe und bereitete den Teig für die Reibekuchen vor. Wenn ich die ersten Reibekuchen in der Pfanne habe, dann werden sie kommen, sagte er sich. Und tatsächlich, kaum hatte er die Pfanne auf den Herd gestellt, hörte er die Haustür quietschen. „Zwitschi, da bist du ja endlich!“, rief er hocherfreut. Da steckte Luzie ihren Kopf zur Küchentür herein und Puh fiel der Pfannenwender aus der Hand, als sie sagte: „Ich bin’s nur.“ Die Gesichtszüge Des Wichtels erstarrten. „Na, das ist ja eine nette Begrüßung“, seufzte sie enttäuscht. „Tut mir leid“, entschuldigte sich Puh und drückte sie an sich. „Ich mache mir Sorgen um Zwitschi. Er ist nicht nach Hause gekommen“, sagte er dann traurig. Luzie erwiderte: „Er war gestern Nachmittag mit Willy und Paul bei mir. Als sie sich auf den Heimweg machen wollten, kam dieser verflixte Nebel auf ...“ Puh erschrak. Bestimmt hatten sie sich total verflogen und brauchten Hilfe. Aber wie sollten sie herausfinden, wo sich die drei befanden. Luzie hatte offenbar in seinen Gedanken gelesen: „Am besten, ich mache die Reibekuchen und du suchst deinen Wunderspiegel“, bot sie an und übernahm Puhs Küchenschürze. Der Wichtel strahlte sie an und küsste sie auf die Wange. Schon besser, dachte Luzie und lächelte still.