Irrtum mit Flügeln

Zwitschi wurde von Zwergenfüßen, die über den Dachboden liefen, geweckt. Verschlafen öffnete er das linke Auge. Wie schwer doch so ein Augenlid war. Viel zu schwer, um es erfolgreich offen zu halten. Dem kleinen Vogel fiel das Lid herunter und ein tiefer Atemzug entfuhr seinem Schnabel. Da knarrten die Stufen der Bodentreppe und Zwitschi fuhr abermals aus dem Schlaf. Linkes Augenlid hochziehen. Ja, so ist es gut und nun das rechte - komm schon Zwitschi, hoch damit. Doch während sich der kleine Vogel selbst anfeuerte, fiel das linke Lid abermals herunter und die Reise ins Traumland begann erneut. Zwitschi schlief lang und träumte von Weihnachten. Er saß vor einem Geschenkeberg und zerfetzte mit seinem Schnabel das goldene Glanzpapier. Ein prall gefüllter Weihnachtsteller stand vor ihm mit all seinen Lieblingsleckereien. Das schien ihm sehr versöhnlich, nach dieser dummen Sache mit der türchenweisen Befüllung seines Adventskalenders. Träume konnten so traumhaft sein. Da hörte Zwitschi Puhs Stimme: „Na mein Kleiner, hast du dir das Flügelchen gestoßen? Warte hier auf mich, ich hol dir was Schönes, dann geht’s gleich besser.“

Wie von der Tarantel gestochen sprang Zwitschi aus dem Schlafkörbchen. Was sollte das! Heute Nacht hatte er auf seinem Streifzug einen Dominostein erbeutet, einen einzigen Dominostein im zweiten Türchen. Ansonsten war in seinem Kalender tote Hose gewesen! Puh hielt ihn weiterhin sehr kurz, viel zu kurz, wie er fand! und Willy? Der Kauz brauchte sich nur den Flügel zu stoßen und wurde mit Leckerchen getröstet. Puh hatte das zwar nicht gesagt, aber was sollte es sonst sein, dieses was Schönes. Der kleine Vogel sauste in die Stube, stieß sich den Flügel am Türpfosten, was er mit einem Schmerzensschrei untermalte, damit es Puh auf keinen Fall entgehen konnte. Dann flog er schräg und ungelenk hinüber zu Puh auf den Tisch und sperrte den Schnabel auf. Der Wichtel sah ihn verblüfft an: „Sag mal, was ist denn in dich gefahren?“ „Ich will auch getröstet werden wie Willy, schließlich hab ich mir auch mein Flügelchen gestoßen!“ Puhs Augen wurden vor Erstaunen riesengroß. Er sah zu Zwitschi, dann auf den Holzleim in seiner Hand, dann auf den Engel, dem ein Flügel fehlte und dann wieder auf Zwitschi. Der kleine Vogel war seinen Blicken gefolgt und bemerkte nun seinen fatalen Irrtum. Puh begann zu lachen:

„Wollen wir dein Flügelchen auch mit etwas Holzleim verarzten?“, fragte er und hielt Zwitschi die Tube unter den Schnabel. „Bei meinem Flügelchen hilft nur eine Tasse heiße Schokolade mit viel Schlagsahne“, erklärte der Vogel. „Das kann schon sein. Ich finde, diese Medizin müssen wir gleich einmal probieren“, nickte Puh, und dann gingen sie zusammen in die Küche.