Türchenjagd

Der Mond schien ins Schlafzimmer des Zwergenhauses und Zwitschi wartete bereits seit einer halben Stunde voller Ungeduld darauf, dass Puh endlich einschlief. Jetzt war ein tiefes zufriedenes Atmen aus Richtung Zwergenbett zu vernehmen. Das wurde ja auch Zeit. Der kleine Vogel verließ sein Schlafkörbchen und machte sich auf den Weg zur Schlafzimmertür. Leise, Zwitschi, leise, bloß keinen Lärm verursachen. Ja, so ist es gut, so wird es gehen, sprach er sich innerlich Mut zu. Auf den Fußspitzen bewegte er sich, ganz im Stile einer leider ziemlich tollpatschigen Ballerina, vorwärts. Verflixt und zugefedert noch mal, mein Gleichgewicht ist auch ganz schön aus dem Gleichgewicht geraten, dachte er. Aber solange er Puh nicht aufweckte, konnte er ruhig wie ein seekranker Matrose auf die nächtliche Pirsch gehen. Endlich hatte er die Tür erreicht. Konzentrier dich Zwitschi, du musst möglichst lautlos auf der Klinke landen. Geschafft, die Tür ist offen. Jetzt kannst du sie ganz vorsichtig aufschieben und dann raus mit dir. Na komm schon du alter Schlawiner, halt die Luft an und quetsch dich hier durch. Nur dieses klitzekleine Opfer musst du noch bringen und dann stehen dir alle Türchen offen.

Puh hatte sich nur schlafend gestellt. Angeschmiert, dachte er, als er vernommen hatte, wie Zwitschi aus seinem Schlafkörbchen geschlüpft war. Dann hatte er ihn die ganze Zeit schmunzelnd beobachtet und winkte ihm hinterher, als das letzte Federchen verschwunden war. Zwitschi würde bald herausfinden, dass seine Türchenjagd in diesem Jahr nicht von Erfolg gekrönt sein würde. Im letzten Jahr hatte der kleine Vogel doch tatsächlich seinem Adventskalender schon am 1. Dezember den Garaus gemacht und war vollgefressen auf dem Küchentisch eingeschlafen. Am 2. Dezember hatte er dann glattweg behauptet, dass in Tür Nummer zwei nur Luft gewesen war und den Wichtel treuherzig angesehen. Puh hatte nachgegeben und den Kalender noch einmal befüllt. Aber dieses Jahr würde Zwitschi in Türchen Nummer 2 tatsächlich nur Luft vorfinden, und zwar, bevor er es geplündert hatte. Puh wünschte ihm belustigt: „Weidmannsheil“ und schlief ein. „Weidmannsdank“ hatte er schließlich nicht zu erwarten.

Am Morgen des 1. Dezembers fand der Wichtel in der Küche einen mürrischen kleinen Vogel vor, dessen Schmuckfeder sich vor lauter Ärger pink gefärbt hatte. Puh gratulierte sich zu seinem genialen Plan und rieb sich vor Freude die Hände. „Puh, was soll das“, piepste Zwitschi anklagend. „Was soll was?“, stellte sich der Wichtel dumm und brühte sich einen Tee auf. „Na dieser Kalender hier!“, rief Zwitschi erbost. „Sag bloß, in Türchen Nummer eins war nichts“, erwiderte der Wichtel. „das nicht, in Türchen eins war eine schokolierte Mandel, aber ...“ „Wie aber?“, tat Puh entrüstet, „Zwitschi, wir haben heute den 1. Dezember, da wird nur hinter Türchen eins nachgeschaut. Und wenn du da eine Mandel vorgefunden hast, gibt’s keinen Grund, dich so aufzuregen. Oder hast du etwa schon Türchen zwei geöffnet?“ Langsam wurde es brenzlig. Jetzt brauchte Zwitschi eine richtig gute Ausrede, und zwar sofort. „Was du von mir denkst, das würde ich doch nicht machen. Nein, ich finde, mein Kalender hängt dieses Jahr ein bisschen schräg an der Wand.“ „Ach so, dann ist es ja gut“, war Puh amüsiert. Dieser blau gefiederte Großschnabel, mit dem wurde es wirklich nicht langweilig.